Von den Anfängen des Fernsehens bis zum Zweiten Weltkrieg

Von Christian Bönisch

Heute, am 22. März 2010, können wir den 75. Geburtstag des deutschen Fernsehprogramms feiern. Dieses Datum steht für den Beginn des regelmäßigen Fernsehbetriebs in Deutschland. So richtig feiern lässt sich das Fernsehen an diesem Datum jedoch nicht, da die Entwicklung der Technik einer Fernbildübertragung viel älter ist, denn sie geht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Der Berliner Techniker und Erfinder Paul Nipkow entwickelte 1883 einen brauchbaren mechanischen Bildfeldzerleger (rotierende Scheibe, die ein Bild durch spiralförmig zulaufende Löcher in 24 Zeilen zerlegt) und meldete dafür unter der Bezeichnung „Elektrisches Teleskop“ am 6. Januar 1884 ein Patent an. Niemand hatte aber zu dieser Zeit wirkliches Interesse, an diesem neuen Medium weiterzuarbeiten, und so verfiel das Patent nach 15 Jahren wieder.

Der 47-jährige, in Fulda geborene Physiker Karl Ferdinand Braun erfand 14 Jahre nach der Nipkow-Scheibe im Jahre 1897 eine Röhre, die elektronische Fernsehtechnik erst ermöglichte: Die „Braunsche Röhre“ ist ein absolut evakuierter Glaskolben, in dem aus einer Elektronenkanone ein dünner ablenkbarer Elektronenstrahl auf einen Leuchtschirm geschossen wird. Dort entsteht – von außen betrachtet – auf einer fluoreszierenden Phosphorschicht ein Lichtpunkt.

Die ersten leistungsfähigen Aufnahmeröhren waren sog. Ikonoskope, auch Bildfänger genannt, die der Physiker Vladimir Zworykin 1923 erfand, aber erst drei Jahre später vom amerikanischen Erfinder Philo Taylor Farnsworth als Elektronenstrahlröhre in die Praxis umgesetzt wurden. 1925 tüftelte der 24-jährige „deutsche Edison der graphischen Industrie“ Rudolf Hell an einer „lichtelektrischen Bildzerlegerröhre für Fernseher“.

Vier Jahre später, 1929, installierte die Reichspost in Berlin, Hamburg, München, Leipzig und Nürnberg sog. Gegenseh- und Sprechzellen (heute würde man Bildtelefone sagen). Diese Fernsehtelefonapparate liefen noch mithilfe der Nipkow-Lochscheibe.

Ein Jahr später stellte der Hamburger Naturwissenschaftler und Physiker Manfred von Ardenne am 24. Dezember 1930 in Berlin der Öffentlichkeit das erste vollelektronische Fernsehbild vor. Auf der Berliner Funkausstellung wurde dieses neue System 1931 einem noch breiteren Publikum gezeigt.

Nun dauerte es noch einmal drei Jahre, als 1934 die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft m.B.H. die technische Entwicklung aufnahm und am 18. April des Jahres eine erste echte Fernsehübertragung gelungen war. Von nun an folgten einige Versuchsprogramme, um die Qualität und Aufnahmetechnik zu prüfen, denn Kernfragen wie Anzahl der Bildzeilen, Frequenz oder studiobezogene Aspekte wie Kamerastandpunkte und Brennweiten mussten durch Experimente ermittelt werden. Schwenks und vor allem Bühnenbild- und Lichtgestaltung waren zuerst nicht möglich.

Am S-Bahnhof im Berliner Stadtteil Witzleben gab es in der Rognitzstraße ein kleines Ladengeschäft, das man zu einem Behelfsstudio umfunktioniert hat. In einer kleinen total dunklen „Fernsehzelle“ konnten Ansager, Schauspieler, Sprachdarbieter, später auch kleinere Gruppen oder Kapellen stehend oder auf Stühlen sitzend abgefilmt werden. Von dem Bildfänger (Fernsehkamera) ging ein flackernder, rotierender grell leuchtender Lichtstrahl aus, der die Personen in der Fernsehzelle stark blendete. Das war der Abtaststrahl. Man sah selbst nichts und daher hatten die Techniker für sich bewegende Gruppen am Boden Leisten angenagelt, die die Bildbegrenzungslinien deutlich machten. Durch vorsichtiges Herantasten mit den Füßen wussten die Darbietenden, wo die Grenzen des Kamera-Bildwinkels erreicht waren. Außerhalb dieses Deltas – ausgehend von der Linse des Aufnahmeapparates – durfte man sich nicht bewegen, sonst „fiel“ man aus dem Fernsehbild. Zudem versuchten Assistenten im Stockfinstern kniend immer wieder, die Abzufilmenden ins Kamerablickfeld zu stupsen.

Es bedurfte hier ständig Verbesserungen. So kam es erst am 22. März 1935 zu einem regelmäßigen Programmdienst von der Reichs-Rundfunkgesellschaft Berlin, die den „Fernsehsender Paul Nipkow“ im Haus des Rundfunks am 29. Mai zu Ehren des 75. Geburtstages Paul Nipkows ins Leben rief. Man müsste hier also trotz der vielen zu berücksichtigen Daten sagen, der 22. März 1935 gilt als Geburt des regelmäßigen deutschen Fernsehprogramms. Die Zahl der Zuschauer, die diese Bilder sehen konnten, war sehr klein. Nur ein paar hundert Empfangsgeräte standen im ganzen Reichsgebiet zur Verfügung. Besitzer waren hauptsächlich Partei- und Staatsfunktionäre in Berlin, München, Nürnberg, Köln und Hamburg, denn der Empfang erfolgte nicht drahtlos, sondern diese Städte waren sehr aufwändig per Kabel mit der Sendezentrale in Berlin verbunden.

Die etwa zweieinhalbstündigen Versuchssendungen an drei Abenden pro Woche wurden noch nicht nach einem festen Programmschema ausgestrahlt. Man sendete Filmberichte aus der Wochenschau und stark gekürzte Spielfilme von etwa 30, 35 Minuten Dauer, um den Kinos nicht ihre Zuschauer zu entziehen. Vielmehr waren die gestrafften Spielfilme eine Werbung für den Film selbst, den man sich dann ausführlich im Lichtspieltheater ansehen konnte. Zudem übertrug man Theateraufführungen, Gesang und bunte Abende direkt. Es kamen Ratgebersendungen und Programme, die extra fürs Fernsehen hergestellt wurden, dazu. Zwischen den Sendungen brachte man kurze Verlautbarungen und Ansagen. Die erste Fernsehansagerin war die Berliner Schauspielerin Ursula Patzschke, die improvisierend auch Kunststücke mit ihrem Hund vorführte oder Verse von Dichtern wie Wilhelm Busch vortrug.

Das neue Medium wurde schlagartig ab August 1936 von viel mehr Zuschauern beachtet und genutzt, denn die Olympiade ’36 begann und die neuen 27 Fernsehstuben und drei Großbildstellen in Berlin und Umgebung wurden regelrecht überflutet. Eine Liveübertragung war nur mittelbar möglich, denn durch das Zwischenfilmverfahren wurden die Bilder etwa zwei Minuten zeitversetzt gesendet. Spezielle Filmkameras waren nötig, um den belichteten Schwarzweißfilm nicht in der Kamera selbst aufzuwickeln, sondern sofort in eine nebenstehende Dunkelkammer zu befördern, worin der Film schnell entwickelt, provisorisch getrocknet und über einen Filmgeber auf Sendung gebracht wurde. Dieses aufwändige, sperrige Verfahren für Außenaufnahmen wurde nach 1937 überflüssig, denn die Fernsehkameras wurden leistungsfähiger.

1938, das erste elektronische „helle Studio“ wurde zu Jahresende im Berliner „Deutschlandhaus“ aufgebaut, hat die Reichspost mit bekannten deutschen Rundfunkgerätefabriken (u. a. Loewe, Blaupunkt und Telefunken) eine AG gebildet und es begann die Entwicklung eines Einheitsfernsehempfängers, der, wie der Volksempfänger (Hörfunkempfänger), für Privathaushalte (650 Mark) konzipiert wurde. Eine erste Ausführung mit der bis heute typischen Rechteckbildröhre wurde im Sommer 1939 in Berlin auf der Funkausstellung präsentiert; der E1. Zu der erdachten Massenproduktion von 10000 Heimempfängern kam es wegen des Beginns des Weltkriegs nicht mehr: die rund 50 hergestellten Apparate wurden dann in Lazaretten und anderen Organisationen aufgestellt. Die öffentlichen Fernsehstuben und Großbildstellen wurden zu Kriegsbeginn erst geschlossen, später wieder eröffnet. Zwischen dem 3. September und 11. November wurde der Sendebetrieb zeitweilig eingestellt. Danach wurden wieder Unterhaltungssendungen, Gute-Laune-Shows, Tanz, Singsang und später Durchhalteprogramme ausgestrahlt, die vorwiegend für die verwundeten deutschen Soldaten gebracht wurden, aber auch für die Hausfrauen und Mütter daheim. Das Fernsehen galt nun als „kriegswichtig“.

Das neue „helle Studio“ war das ganze Gegenteil der alten „dunklen Fernsehzelle“: Während man in der finsteren Fernsehzelle noch von einem gleißenden Abtaststrahl geblendet wurde, lief einem in den „hellen Studios“ bei 60°C die Schminke aus dem Gesicht, denn es wurden unzählige Scheinwerfer benötigt, die von vorne, von den Seiten und von der Decke herabschienen, denn die ersten elektronischen Fernsehkameras waren noch sehr lichtschwach. Überhaupt war das Schminken eine unabdingbare Notwendigkeit; um einen guten Schwarzweißkontrast vom Kamerabild zum Fernsehempfänger zu gewährleisten, wurden die Schauspieler und Ansager überwiegend kräftig gelb und rot angemalt, zudem hat man u.a. Augenbrauen mit Schwarz nachgezogen. Man sah aus wie ein bunter Papagei.

Eine berühmte von Ilse Werner präsentierte Varieté-Sendereihe war „Wir senden Frohsinn, wir spenden Freude“, die von März 1941 bis Juni 1944 jeden Freitag direkt aus Berlin gesendet wurde. Es gab aber auch Verkehrserziehungssendungen sowie Hinweise und Ratschläge für Hausfrauen im Krieg. Das Fernsehbetriebspersonal wurde nach und nach abgezogen und für Kriegsdienste eingesetzt. Einige arbeiteten auch als Bildvorführer in Truppenbetreuungen und Lazaretten. Trotz eines Bombenanschlags auf den Sender in Berlin am 23. November 1943 wurde der Fernsehbetrieb bis zum 19. Oktober 1944 mit Unterbrechungen aufrechterhalten. Danach war endgültig Sendeschluss. Am 2. Mai 1945 zog die Rote Armee in das Berliner Funkhaus. Das Kapitel „Fernsehen vor der Bundesrepublik“ ist damit beendet.

Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland bis 1980

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