Farbfernsehen in der BRD

Von Christian Bönisch

Seit Mitte der 50er Jahre hat die deutsche Fernsehindustrie sich schon mit dem Farbfernsehen beschäftigt. Zu Beginn der 60er Jahre beschloss die ARD, die Einführung des Farbfernsehens voranzutreiben. Sie ließ Ende 1962 zwei Farbfernsehversuchslaboratorien einrichten: eines beim Westdeutschen Rundfunk in Köln und eines beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg. Der Technische Direktor des WDR, Walter Werner, erklärte Anfang 1963, das Farbfernsehen in Deutschland käme erst in ein paar Jahren, da noch nicht die Farbfernsehnorm für Europa, speziell Deutschland, feststehe. Alle drei Farbübertragungssysteme (das amerikanische NTSC-, das französische SECAM- und das deutsche PAL-System) waren zu der Zeit schon entwickelt, bzw. etabliert.

Im Frühjahr 1963 wurde eine Mannschaft des WDR, die unabhängig war von der täglichen Belastung des Rundfunkbetriebes, zusammengestellt, die unter der Leitung von Dr. Franz-Josef In der Smitten die Aufgabe hatte, in dem extra angemieteten Gebäude Marienstraße 71 in Köln-Ehrenfeld ein Laboratorium einzurichten und technische Apparaturen zu entwickeln, zu beschaffen und zusammenzustellen, mit denen alle Untersuchungen durchgeführt werden konnten, die notwenig waren, um am Ende der Versuchsperiode in den einzelnen Rundfunkanstalten der ARD Farbfernsehstudioeinrichtungen bauen und einrichten zu können.

Bereits Anfang Dezember 1962 schickte der WDR Franz-Josef In der Smitten mit einem Kollegen nach Clark (New Jersey/USA), um an einem von RCA durchgeführtem Farbfernseh-Symposium teilzunehmen. Dort wurden sie erstmals mit den Grundlagen der Farbfernsehtechnik bekannt gemacht. Bei dem zweiwöchigen Aufenthalt besuchten sie die großen amerikanischen Fernsehanstalten, um zu erfahren, was diese bereits an Farbtechnik dort hatten. Von der Firma RCA wurde eine komplette amerikanische NTSC-Farbfernsehanlage (elektronische Farbkamera mit drei Röhren, Verstärkerpult, Farbmischpult und Farbmonitore) gekauft und nach Köln geliefert. Das Schwierige war anfangs, die Anlage, die mit 525 Zeilen und 60 Hertz arbeitete, an den deutschen Standard (625 Zeilen und 50 Bildwechsel pro Sekunde) anzupassen.

Da dies nicht befriedigend funktionierte, hat die Darmstädter Fernseh-GmbH innerhalb weniger Monate NTSC-Coder und Impulsgeber entwickelt, die nach der europäischen Norm arbeiteten, sodass erst ab Herbst 1963 ein ausreichender Gerätepark aufgebaut und angeschlossen war, mit dem man nun die Experimente anfangen konnte. Da die RCA-Farbkamera mit sehr langen Super-Orthikon-Röhren und vorgeschaltetem optischen System arbeitet, ist diese sehr groß und sperrig, sodass gleich der Wunsch nach kleineren Modellen aufkam.

Die Firma Philips hat 1965 eine Farbfernsehkamera mit kurzen, schlanken Plumbicon-Röhren gebaut, die erstmals mit einem Zoomobjektiv arbeitete. Vier dieser weiterentwickelten Philips-Kameras wurden dann ab 1967 für WDR-Farbsendungen eingesetzt.

Im November 1963 wurden erstmals Farbtestsignale über die WDR-eigenen Sender ausgestrahlt. Im Januar 1964 hat das Versuchslaboratorium in Ehrenfeld über die Postverbindungsstrecke Farbsignale in Form von abgetasteten Farbdiapositiven und Farbbalken aus der „14-teiligen Schweizer Testbildserie“ an die anderen ARD-Sender geschickt. Die schrankgroße nach deutscher Norm von der Fernseh-GmbH hergestellte Farbdiaübertragungsanlage arbeitete nach dem Prinzip der Lichtpunktabtastung, welche mithilfe einer Braunschen Röhre, die einen Elektronenstrahl punktförmig auf einen Leuchtschirm wirft, erzeugt wurde. Das fokussierte Lichtbündel durchdrang das Diabild und wurde von einem Farbteiler in die einzelnen Farbsegmente Blau, Rot und Grün aufgeteilt und in Fernsehsignale umgewandelt. Das gleiche Prinzip, welches ein sehr scharfes Abtastergebnis liefert, wurde auch an Filmgebern angewandt. Der erzeugte Lichtpunkt im 35mm-Filmabtaster durchdrang den normalen Kinofilm wegen seiner hohen Dichte nicht befriedigend, sodass viele Teile im Fernsehbild schwarz blieben. Die Filmindustrie sollte daher fortan spezielle Kopien mit dünneren, durchdringbareren Filmdichten für die Fernsehausstrahlung herstellen.

Um starke Farbschwankungen und Farbtonwertverschiebungen in den drei Kanälen zu vermeiden, sollten diese Anlagen aus Temperaturgründen mind. eine Stunde vorher eingeschaltet werden, dennoch musste man die Farbkanäle kontinuierlich manuell nachstellen. Im Laufe des Jahres 1964 hatte man ausreichend viele Versuche mit Farbdiapositiven gemacht, sodass man sich traute, nun ein „echtes“ bewegtes Bild zu übertragen: auf dem Dia „Playboy“ aus der „Schweizer Testbild-Serie“ war ein 5-jähriger bunt angekleideter Junge zu sehen, der mit lauter buntem Spielzeug auf dem Boden sitzt. Diese Szene hat man im Versuchslabor mit dem Sohn von Dr. In der Smitten detailgenau nachgestellt und nach Vorlage des Diapositivs übereintreffend abgefilmt. Zunächst wurde der starre „Playboy“ über die Sender geschickt, dann hat man langsam übergeblendet auf den lebendigen Jungen. Die erste Echtzeit-Farbfernsehübertragung war gelungen.

Im Jahre 1965 arbeitete man an Verbesserungen und Farbstabilisierungen bei Diapositiv-, Filmabtastungs- und bei Fernsehkamerabildübertragungen und man stellte sich die Frage, welches Farbsystem in Deutschland eingeführt werden sollte. Über die ARD-Sender hatte man eine Eurovisions-Testsendung ausgestrahlt. Dort wurden farbige Programmbeiträge zusammengestellt; NTSC-codierte aus London, PAL-codierte aus Italien und SECAM-codierte aus Frankreich. Das WDR-Farbfernsehversuchslaboratorium war die Umschaltzentrale mit eigener Transcodiereinrichtung, welche die eintreffenden Farbbeiträge aus den Ländern auf die europäische NTSC-Version umwandelte. Es war demnach möglich, einen durchgehenden Programmablauf aus verschiedenen Farbsystemen einheitlich zu gewährleisten.

Vor- und Nachteile der drei Farbcodierungen wurden untersucht und ausgewertet: Bei schlechtem Empfang des störanfälligen NTSC-Systems kommt es zu einer Farbverschiebung, die durch die Zuschauer selbst am Empfänger manuell nachgeregelt werden muss. Bei SECAM werden zwei Farbinforationen Blau und Rot über ein unanfälligeres und robusteres Verfahren übertragen, diese werden aber nicht zusammen in einer Zeile, sondern müssen sequentiell hintereinander übertragen werden, wodurch sich beim Wiedergeben auf dem Schirm eine vertikale Auflösungsverminderung ergibt. Bei PAL werden wie bei NTSC die beiden Farbinformationen gleichzeitig übertragen. Eine Farbkomponente wird jedoch jede zweite Zeile gespiegelt gesendet, sodass im Empfänger Übertragungsstörungen ausgeglichen werden können. Der politische Aspekt für die Systementscheidung spielte neben der Technik auch eine große Rolle. Das Verhältnis zwischen der BRD und Frankreich hat sich freundschaftlich verbessert und man befürchtete durch die Einführung von PAL eine Farbfernsehspaltung und damit einen neuen deutsch-französischen Konflikt. Später hat man sich aus Qualitätsgründen und nach langen Diskussionen schließlich auf das von Walter Bruch im Jahre 1962 entwickelte und perfektionierte PAL-System entschieden.

Man hat lange Zeit versucht, Farbsignale magnetisch aufzuzeichnen. Wegen der Zeilenumschaltung und den Anforderungen an die Phasenstabilität des Farbträgers konnte man insbesondere codierte PAL-Signale zunächst nicht magnetisch aufnehmen. Jedoch gelang es der Gruppe um Dr. In der Smitten, eine für Schwarzweiß-Aufzeichungen gängige RCA-Maschine vom Type TR22 durch Bestücken mit besonders eng tolerierten Modulen und erweiterter Elektronik nach langwierigen Versuchs- und Messreihen derart umzubauen, dass zunächst NTSC-, dann PAL-Farbsignale aufgezeichnet und stabil wiedergegeben werden konnten. Diese Erkenntnisse sind dann in die neuen Farbvideomagnetbandaufzeichnungsmaschinen von RCA (Typ TR 70) eingeflossen.

Nun begannen die Ingenieure, aus den schrankgroßen Pulten mit unzähligen Farbreglern kleinere und von nur einem Mann zu bedienende Farbsteuerregler zu konstruieren, da die Farbversuchsprogramme, welche ab morgens gegen 7:30 Uhr übertragen wurden, meist von nur einem Techniker gefahren werden mussten, der alle Hände (und Füße) gleichzeitig benutzte.

Die allererste Direktübertragung von farbigen Außenaufnahmen wurde am 21. Februar 1966 vom Kölner Rosenmontagszug gestartet. Die Fernsehzuschauer sahen jedoch – wie gewohnt – die offizielle Schwarzweißfassung. Im Laufe des Jahres 1966 wurde die Presse immer aufmerksamer über das künftige Medium Farbfernsehen und erstmals kamen Gruppen von WDR-Mitarbeitern (Kameraleute, Beleuchter, Bühnenbildner), um sich von den Farbfernsehpionieren erklären zu lassen, worin die Problematik von Farbsendungen besteht. Man untersuchte die bisherigen Licht- und Farbgestaltungen im Bühnenaufbau bei gängigen Schwarzweißsendungen und probierte Neues aus, um zu prüfen, wie Licht und Farbe bei Farbübertragungen wirken und wie Farben naturgetreu auf dem Farbfernsehschirm wiedergegeben werden können. Die Erkenntnisse wurden den Beteiligten erläutert und weitergegeben, sodass nach und nach alle Mitarbeiter in den Sendestudios daraufhin geschult wurden.

Anfang 1967 wurden moderne Anlagen zur Farbfernsehaufnahme- und ausstrahlung und eine Abwicklungsstraße für Farbsendungen im ausgebauten WDR-Farblabor eingerichtet. Schrittweise wurden nach diesem Vorbild die anderen ARD-Studios mit Farbfernsehanlagen ausgestattet, sodass es am 25. August 1967 zum offiziellen Start des deutschen Farbfernsehens kommen konnte. Drei Minuten vor 11 Uhr vormittags drückte Willy Brandt zeremoniell auf der 25. Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin einen roten Attrappen-Schalter. Die Schwarzweiß-Übertragung wurde bei diesem Akt farbig. Leider hat der zuständige Techniker das Farbsignal zwei Sekunden zu früh durchgestellt, sodass die Attrappe aufflog. Dies merkten jedoch nur wenige Fernsehzuschauer, da der Teil der Farbseher zu diesem Tage noch äußerst gering war.

Als erste vollständige Farbsendung brachte das ZDF am selben Abend nach einer Farbankündigungsanimation (ZDF-Emblem vor drehendem Glasfarbwürfel) die beliebte Show „Der goldene Schuss“, während das Deutsche Fernsehen erst einen Tag später mit dem „Galaabend der Schallplatte“ seine erste Farbshow übertrug. Die Farbsendungen im Gemeinschaftsprogramm wurden fortan über wenige Jahre mit der sog. ARD-Farbcaption angezeigt. Die 20-Sekunden-Musik schrieb Klaus Doldinger.

Knapp 200.000 Farbfernsehempfänger haben die Bundesdeutschen im Jahre 1967 für einen sehr hohen Preis von etwa je 2.200 DM gekauft. Der Arbeitnehmer einer Durchschnittsfamilie musste das Geld für eine solche Anschaffung mehr oder weniger langfristig ansparen. Die Verkaufszahl der Farbfernsehgeräte stieg dennoch kontinuierlich an.

Bis 1969 diente das vergrößerte Farbfernsehversuchslaboratorium in Köln-Ehrenfeld als Sende- und Produktionsstudio für WDR-Farbbeiträge im ARD-Programm, denn es war nicht so schnell möglich, die technischen Apparaturen im Funkhaus Wallrafplatz / An der Rechtsschule auf Farbe umzustellen. Danach waren die Umbauarbeiten im WDR-Hauptstudio soweit vorangeschritten, sodass die Farbsendungen des WDR fortan dort hergestellt werden konnten.

Durch das Farbfernsehen ergaben sich ganz neue Gestaltungs- und Trickmöglichkeiten. Durch das Blue-Box-System etwa konnten zwei oder mehrere Bilder ineinanderkopiert werden. Fernsehspiele mit ganz verrückten Fantasiewelten durch diverse Bildschichten wurden kreiert. Man hat ganz überdrüssig und begeistert in den ersten Jahren wilde Experimente mit Farbe gewagt. Diese Farbeuphorie hat Anfang/Mitte der 70er Jahre wieder nachgelassen und das Bild wurde dezenter. Zunächst wurden auch nur circa acht Stunden pro Woche in Farbe ausgestrahlt.

Die Fußballweltmeisterschaft 1974 löste einen Boom aus: Explosionsartig stieg der Verkauf von Farbfernsehern. In den Fernsehzeitungen wurden Farbsendungen mit einem Symbol „F“ gekennzeichnet, da diese noch lange in der Minderzahl waren. Erst, als Farbsendungen überwogen, ist man umgekehrt vorgegangen: man hat Schwarzweißsendungen mit „sw“ markiert. Schwarzweißfernsehkameras waren bis Mitte der 80er Jahre noch immer im Einsatz; beispielsweise bei Übertragungen von Bundestagsreden oder bei Programmtafeln zum Sendeschluss.
Im Jahre 1977, waren etwa 50% der angemeldeten Fernsehteilnehmer Farbseher. Zwanzig Jahre nach Einführung des deutschen Farbfernsehens, 1987, waren etwa 90% der Haushalte mit Farbfernsehapparaten ausgestattet. Auch in den 90er Jahren gab es noch zahlreiche Schwarzweißfernseher. Diese Zahl nahm aber stetig ab, sodass heute flächendeckend fast alle Gebührenzahler mit farbtauglichen Empfängern versorgt sind.

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